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Vom verlorenen Sohn





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Vom verlorenen Sohn


Vom fernen Kirchturm her klangen Glocken durch das tief verschneite Land. Ein einzelner Wanderer stapfte schwer atmend am dunklen Waldesrand entlang durch den hohen Schnee. 
Jeder Schritt schien mühsam zu sein. 
Jetzt aber hob er den Kopf und lauschte dem tiefen Ton der Glocken. Wie heimatlich das klang. 
Lange schon war es her, daß er diesen Klang vernommen hatte und sein Herz schlug schneller.

An einem schönen Sommertage hatte er sein Elternhaus und seine Heimat verlassen. 
Sein unruhiges, junges Blut hatte ihn hinaus gedrängt. Er war damals gerade 17 Jahre alt gewesen und seine Eltern wollten ihn nicht gehen lassen. 
Aber ihn hielt nichts mehr, nicht einmal die Tränen seiner Mutter. Denn Martha, seine Spielgefährtin und Vertraute, Martha, die er mit der ganzen Glut seines jungen Lebens liebte, blieb scheu und zurückhaltend und wollte sich seiner stürmischen Liebe nicht ergeben. 
Da senkte sich Trotz und Finsternis in sein Herz und alles wurde ihm zu eng. Er mußte fort. Gleich! Und so zog er in die fremde Stadt.

Welch ein Lärm und Gewimmel war dort. Hilflos stand er in der Stadt am Marktplatz und schaute dem rastlosen Treiben zu. 
Wie eilig es alle Menschen hatten. 
Gewiß war heute ein besonderer Tag, daß sie so hasteten und so beschäftigt taten. 
Ach, was sollte er jetzt tun, wohin sich wenden? Er kannte ja niemanden in dieser Stadt. 

Und wie er noch so hilflos dastand, rief ihn ein altes Mütterchen an: "Heh, du! Was stehst du hier so herum? Hilf mir lieber, meine Last zu tragen!" 
Und sie zeigte auf einen gewaltigen Korb voller rotbackiger Äpfel. Und da er ein gutmütiges und williges Herz hatte und die Mutter ihm Ehrfurcht vor dem Alter gelehrt hatte, trat er zu dem alten Mütterchen, nahm den Korb, hob ihn auf seine jungen, starken Schultern und folgte ihr.
Es war ein langes Stück Weg, den sie gehen mußten und der Korb wurde schwerer und schwerer. Endlich aber waren sie angekommen und das alte Mütterchen hielt vor einem kleinen, sauberen Haus, kramte ihren Hausschlüssel hervor, schloß auf und forderte den jungen Burschen auf, einzutreten und sich der Last zu entledigen. 

Aufatmend setzte dieser den schweren Korb im Hausflur ab und wischte sich den Schweiß von der Stirne. Das alte Mütterchen lachte: "Du bist das Arbeiten wohl nicht gewöhnt, mein Sohn. Na, komm, setz dich, ich bringe dir etwas zur Stärkung." 

Damit schob sie ihn in die kleine Küche und nötigte ihn, am Tisch Platz zu nehmen. 
Sie holte aus einem Schrank ein großes Brot hervor, von dem sie zwei dicke Scheiben abschnitt, legte ein nicht kleines Stück Wurst dazu und setzte ihm alles vor, wobei sie sprach:
"Nun iß tüchtig, damit du wieder zu Kräften kommst", und dabei lachte sie wieder. 
Aus einem Tonkrug goß sie klares Wasser in einen Becher und stellte auch diesen vor ihn hin. 

Der junge Bursche ließ sich das Brot und die Wurst schmecken und spülte alles danach mit dem klaren Quellwasser hinunter. Dann lehnte er sich gesättigt zurück.

Natürlich wollte nun das alte Mütterchen wissen, was ihn in die Stadt treibe und so erzählte er ihr alles und sie lud ihn ein, vorläufig bei ihr zu bleiben, denn sie sei alt und könne ein wenig Hilfe gar wohl gebrauchen.

Ja, so fing die wundersame Freundschaft zwischen dem alten Mütterchen und dem jungen Burschen an. 
Sie gab ihm eine kleine, aber saubere Kammer und sorgte fortan für ihn, wie er ebenso für sie sorgte, für sie Holz spaltete, sie bei ihren Marktgängen begleitete und auch im Haus dies und jenes richtete, denn er hatte gar geschickte Hände. 

Bald fand er bei einem Silberschmied Arbeit und als der Meister merkte, daß er fleißig, anstellig und geschickt war, behielt er ihn ganz und ließ ihn bei sich eine Lehre machen und der Meister war mit ihm zufrieden. 

Nach des Tages Arbeit saß er oft bei dem alten Mütterchen in der Küche und sie schwiegen sich freundlich an oder der junge Bursche las ihr etwas aus einem Buche vor, das er sich in der öffentlichen Bücherei geliehen hatte, denn ihm stand nicht der Sinn nach oberflächlichem Vergnügen. 

Sonntags setzte er sie in ein kleines Wägelchen und fuhr mit ihr zum Gottesdienst. 

Nach der Lehrzeit bekam er guten Lohn, da der Meister ihn gerne behalten wollte und froh über seine Hilfe war. Da er wenig Geld ausgab, brachte er das meiste zu einer Bank, wo es mit der Zeit immer mehr wurde und hübsche Zinsen brachte. 

Manch schönes Mädchen warf ihm einen sehnsuchtsvollen Blick zu, aber sein Herz wollte nicht, denn noch immer dachte er an Martha und konnte sie nicht vergessen. 

So wäre es wohl noch viele Jahre weitergegangen, als plötzlich das alte Mütterchen starb und er nun ganz alleine war. Sie hatte ihm das kleine Haus vererbt, und er hätte beruhigt in die Zukunft blicken können, aber nun brannte der Gedanke an seine Eltern und an Martha immer stärker in ihm und sein Blut wurde unruhig.

Die Adventszeit war herangekommen und wie immer ging er am Sonntag, da er frei hatte, in den Gottesdienst, weil er dort dem alten Mütterchen besonders nahe war. 
Der Pfarrer, ein weiser, alter Mann, sprach über die Geschichte vom verlorenen Sohn und legte sie so aus, daß der junge Bursche, der nun schon eher ein junger Mann war, zutiefst in seinem Herzen getroffen wurde und es ward ihm, als würde der Pfarrer geradezu ihn ganz persönlich meinen. 
Da ging er in sich und dachte: "Ja, es ist wahr, ich habe mich zu wenig um meine Seele gekümmert und ich habe meine Eltern verlassen. Ja, auch ich will umkehren und jetzt ist bald Weihnachten, das ist gerade die rechte Zeit."

So ging er am nächsten Tag zu seinem Meister und erbat einen längeren Urlaub, da es ihm in seinem Herzen zum elterlichen Hause ziehe. 
Das lobte der Meister und da der Bursche noch nie um Urlaub gebeten hatte, gewährte er ihm diese Bitte, nur hoffe er, daß er wieder zurückkäme, denn er bräuchte ihn. 
Das versprach der Bursche und machte sich an seine Reisevorbereitungen. 
Er hätte ja jetzt mit der Reisekutsche fahren können, aber er wollte gerne so zu seinen Eltern kommen wie er gegangen war - zu Fuß.

So packte er eine Woche vor Weihnachten seinen Reiserucksack. Ganz zuunterst legte er ein paar Geschenke für seine Eltern, die er selber aus feinstem Silber gefertigt hatte. 

Am ersten Tag fiel es ihm noch schwer, den ganzen Tag zu wandern, aber schon am nächsten Tag ging es besser und er wanderte fröhlich und guten Mutes durch die winterliche Landschaft seinem Elternhause zu. 

Abends, bevor es ganz dunkel wurde, hielt er an einer Gastwirtschaft an, und da er stets höflich war und nicht zerlumpt daherging, bekam er überall ein Zimmer zugewiesen. 

Immer näher kam er dem elterlichen Hause und am Morgen des Heiligen Abends hörte er bereits schon die Glocken seiner heimatlichen Kirche. Am frühen Nachmittag langte er endlich an und klopfte mit fester Hand gegen das Tor.

Seine Eltern, die nicht ahnten, daß ihr Sohn sich endlich auf dem Weg zu ihnen gemacht hatte, hatten wie jedes Jahr zu Weihnachten die gute Stube weihnachtlich geschmückt. 
Denn besonders um die Weihnachtszeit warteten sie mit bangem Herzen, ob ihr Sohn nicht einmal möchte heimkommen. 

Und so bereiteten sie sich Jahr für Jahr voll heimlicher Hoffnung und Sehnsucht auf seine Rückkehr vor, und deshalb hatten sie auch in diesem Jahr wieder festlich geschmückt, damit er, wenn er käme, alles so vorfände, wie er es von früher her gewohnt war. Und nicht nur die gute Stube war festlich geschmückt, auch die Kammer des Sohnes war wie jedes Jahr gründlich gelüftet und geputzt und das Bett frisch bezogen worden und auf dem Tisch stand in einem Krug ein kleiner grüner Tannenzweig, mit Silberfäden verziert. 

Für die gute Stube hatten sie eine kleine Tanne aus dem nahe gelegenen Wald geholt und so geschmückt, wie sie es immer getan hatten. 
Da saßen sie nun in und dachten beide still an ihren Sohn in der Ferne und das Herz war ihnen schwer.

Da klopfte es plötzlich an ihrer Haustür und eine kräftige Stimme rief: "Mutter, Vater, macht auf, ich bin's, euer Sohn!" 

Zögernd nur stand der Vater auf, noch zweifelnd, ob er glauben sollte, was er da hörte, aber die Mutter sprang auf und riß die Haustür weit auf. 

Da stand ihr Sohn, aus dem inzwischen ein kräftiger, gut aussehender junger Mann geworden war und warf sich ihr stürmisch in die Arme. 
Leise trat nun auch der Vater hinzu und auch er schloß seinen Sohn in die Arme.

"Verzeiht mir", sagte der Sohn, "daß ich erst jetzt komme, aber ich habe immer an euch gedacht."

Doch die Eltern wollten davon nichts hören, so froh waren sie, daß ihr Sohn jetzt da war - das war ihr schönstes Weihnachtsgeschenk! 

Sie zogen ihn in die gute Stube, nötigten ihn, am warmen Ofen Platz zu nehmen und die Mutter brachte dem heimgekehrten Sohn zu essen und heißen Tee, dem sie etwas Rum zufügte, wie es sich jetzt für einen Mann geziemte. 

Während der Sohn hungrig von den aufgetragenen Speisen aß, klopfte es wieder an der Haustür. 

"Das wird Martha sein", sagte die Mutter. "Sie kommt jedes Jahr an Weihnachten vorbei und bringt uns Alten ein Weihnachtsessen und", dabei warf sie ihrem Sohn einen prüfenden Blick zu, "erkundigt sich jedes Mal, ob wir Nachricht von dir haben."

"Martha?" fragte der Sohn zitternd und zugleich bangen Herzens.
"Ja, Martha!", antwortete die Mutter, während sie langsam zur Türe ging, "sie hat immer auf dich gewartet."

Als Martha eintrat, begrüßte sie freundlich zuerst die Mutter, dann den Vater, dann holte sie aus ihrem Korb mehrere Schüsseln hervor und stellte sie auf den Tisch. 

"Gesegnetes Essen", sagte sie, "habt ihr vielleicht inzwischen Nachricht von ihm?"

Da trat der Sohn, der bisher geschwiegen hatte, aus dem Halbdunkel des Zimmers auf Martha zu und sagte: "Ich bin hier, Martha."

Mit einem Schrei drehte sich Martha um und starrte ihn an. Dann flog sie auf ihn zu und rief nur immer wieder "Martin, Martin!"
Und Martin? 

Er war so bewegt, daß er sie nur fest in die Arme nehmen konnte und immer wieder "Martha, Martha" sagte. 

Lange hielten sie sich umschlungen, dann räusperte der Vater sich verlegen und brummte: "Nun, nun, wenn dat mal nich e gut Weihnachte is." 

Vor lauter Aufregung war er in sein lang vergessenen Dialekt aus der Kindheit gefallen. 

Martin aber und Martha konnten den Blick nicht voneinander wenden und einer sah den anderen so fest an, als wollte er ihn nie mehr freigeben.

Erst viel später kamen sie dazu, voneinander zu erzählen und keiner konnte den anderen ausreden lassen, jeder wollte dem anderen sein Herz zuerst ausschütten. 

Spät war es geworden, aber gemeinsam gingen sie dann alle in die Christmette und noch nie wurde dort so fröhlich und laut zur Ehre Gottes gesungen wie in dieser Nacht, denn das ganze Dorf nahm Anteil an der Heimkehr des Sohnes. 

Na, und wie es um Martha und Martin stand, das konnte ja jeder sehen, der Augen im Kopf hatte.