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Eine zweite Chance
Es war ein Tag vor Weihnachten, ich schlenderte durch die Straßen und durchwühlte die Mülltonnen nach etwas
Eßbarem.
Drei Jahre waren vergangen, seit meine Frau und ich uns getrennt hatten. Wir hatten uns auseinander gelebt.
Es gab außer unserem Sohn nichts mehr, was uns hätte zusammenhalten können.
Ich hatte meine Sachen gepackt und war gegangen. Unser Sohn sollte nicht mehr
unter dem ständigen Streit leiden. Er war mit seinen vier Jahren zu klein um alles zu verstehen.
Ich war tief gesunken. Mein Haus war die Welt und mein Dach der Himmel. Ich schlief unter Brücken, in
U-Bahn-Schächten, S-Bahnen,
hin und wieder mal in der Auffangstation für Obdachlose. Dort gab es auch schon mal eine warme Mahlzeit. Meine Kleidung hing in
Fetzen. Als ich halb erfroren war, setzte ich mich in die nächste S-Bahn, um mich ein wenig aufzuwärmen.
In Kaufhäusern hatte ich schon lange keinen Zutritt mehr. Sobald mich jemand sah, wurde ich beschimpft und hinaus geworfen.
Da saß ich nun und schaute dem Treiben auf den Straßen zu.
Die Menschen waren wieder im Weihnachtsfieber. Die Scheiben der S-Bahn waren naß
vom Schneeregen.
Die Weihnachtsbeleuchtung, die überall angebracht war, spiegelte sich in den Tropfen außen an der Scheibe.
Ich träumte wieder von meinem Sohn, wie ich mit ihm einen Schneemann baute. Er hatte so viel Spaß im Schnee und mochte es gerne, wenn ich ihn mit dem Schlitten durch die Gegend zog. Ich
vermißte ihn unendlich!
Da wurde ich aus dem Schlaf gerissen. Noch nicht ganz wach und verwirrt, öffnete ich die Augen und sah zwei Kontrolleure, die mich anstarrten und von mir einen Fahrausweis verlangten. Der eine etwas stabilere Kontrolleur zeigte mit seinem Finger auf den Schlagstock, den er am Gürtel bei sich trug.
"Entschuldigen Sie bitte, ich wollte mich nur ein wenig ausruhen. Ich steige sofort an der nächsten Haltestelle aus."
Der dicke Kontrolleur antwortete nur: "Das will ich hoffen."
Sein etwas hagerer Begleiter schaute mich mitleidig an und sagte:
"Laß ihn doch, morgen ist doch Weihnachten."
Ich stand auf, stolperte und fiel in den Schneematsch, als der dicke Kontrolleur mir seinen Fuß in den Weg stellte.
Zufall - oder doch Schicksal?
Nur wenige hundert Meter entfernt wohnten Sylvia und Christian, die ich schon viele Jahre nicht mehr gesehen hatte.
Ich machte mich auf den Weg zu ihrem Haus.
Die vielen Menschen, die mit mir durch die Einkaufsstraße liefen und auf der Jagd nach Weihnachtsgeschenken waren,
starrten mich aus entsetzten Augen an. Wie schrecklich und herunter gekommen
mußte ich nur aussehen ?
Nun stand ich vor der Haustür. Meine Hand bewegte sich Richtung Türklingel. Was hätte ich nicht alles für ein belegtes Brot und einen heißen Kaffee gegeben!
Was hatte ich schon zu verlieren.
Ich drückte auf den Taster, und nach kurzer Zeit öffnete sich die Türe. Ich nahm den Fahrstuhl, fuhr nach oben, und
stieg die wenigen Stufen bis zur Wohnungstür hinauf. Ich
klopfte. Die Türe ging auf, dann sah ich ein entsetztes Gesicht und hörte nur noch ein Schreien.
Die Tür fiel ins Schloß. Sylvia, die mich nicht wiedererkannt hatte, rief laut:
"Was wollen Sie!"
Ich sagte: "Sylvia, entschuldige bitte, ich bin es doch, Bernd! Weißt du denn nicht mehr
..."
Ich erzählte von der Vergangenheit, von Erlebnissen, die nur wir kannten und so kam es dann,
das sie zaghaft die Tür öffnete und mir eine Zeitlang in die Augen schaute.
Dann sagte sie: "Was ist denn mit dir geschehen?!"
Ich schaute sie aus traurigen Augen an. Sie nahm mich bei der Hand und zog mich in die Wohnung, direkt ins Badezimmer.
"Nimm erst mal ein ausgiebiges Bad, danach kannst du mir ganz in Ruhe erzählen, was dir widerfahren ist".
Sylvia brachte mir einige Handtücher sowie Kleidung zum anziehen. Ich ließ das Badewasser einlaufen und entkleidete mich. Als ich mich zum Spiegel drehte, erschrak ich sehr. Es verschlug mir die Sprache, als ich mich darin sah.
Aus einem jungen Mann war im Laufe der letzten Jahre ein alter Greis geworden. Meine Haare waren zerzaust, mein Barthaar
lang und ungepflegt. Zuallererst rasierte ich fein säuberlich mein Gesicht. Dann setzte ich mich mit einem langen Seufzer in die Wanne.
Es war ein wohliges, warmes Gefühl, seit drei Jahren das erste mal wieder zu baden. Wie sehr hatte ich mich doch gehen lassen.
Nachdem ich mich ausgiebig gewaschen hatte, trocknete ich mich ab und zog die Kleidung an.
Nun fühlte ich mich gleich viel besser. Während Sylvia klopfte an die Tür.
"Jetzt siehst du wieder halbwegs normal aus."
Sie hatte während ich badete, im Flur vor dem großen Spiegel einen Stuhl hingestellt, hielt eine Schere in der Hand und sagte:
"Setz dich."
Sie legte mir ein Handtuch um und fing an, mein Kopfhaar zu schneiden.
Ich erzählte ihr ausführlich von meinen letzten drei Jahren und
der Trennung von Gabi.
Nachdem sie aus mir einen normal aussehenden Menschen gemacht hatte, setzten wir uns an den Küchentisch, und obwohl ich versuchte mich zu beherrschen, verschlang ich ein belegtes Brötchen, und trank einen Kaffee nach dem anderen.
Sylvia erzählte mir, daß sie heute Morgen auf dem Weg zum Bäcker Gabi getroffen hätte.
Mich überkam mich die Müdigkeit und Sylvia richtete mir die Couch her. Ich legte mich hin und
schlief sofort ein.
"Aufstehen, das Essen ist fertig."
Sylvia hatte mein Leibgericht gezaubert: Klöße mit Rotkohl und einen leckeren Braten. Nachdem wir ausgiebig gegessen hatten, bedankte ich mich für alles,
nahm sie in den Arm und verabschiedete mich, um Gabi nach Arbeitsschluß zu treffen
und nach Kevin zu fragen.
Sylvia gab mir noch eine Jacke und ein Paar Schuhe, die mir Gott sei dank gut
paßten.
Als ich durch die Einkaufsstraße ging, verfolgten mich keine Blicke
.
Ich lief direkt zu dem Gebäude, in dem Gabi arbeitete. Es war kurz vor siebzehn Uhr, um diese Zeit machte sie eigentlich immer Feierabend.
Ich ging zur Tiefgarage, wartete dort noch circa zehn Minuten, als ich schließlich Schritte hörte: da kam sie! Ich sagte mit stotternder Stimme:
"Hallo Gabi wie geht es dir, wie geht es unserem Sohn, Kevin?"
Sie blieb stehen, schaute mich nur kurz an und sagte:
"Du hast keinen Sohn mehr! Du hast ihn und mich verlassen."
Gabi lief schnurstracks zum Wagen, stieg ein, startete den Motor und fuhr aus der Tiefgarage. Ich war geschockt, hatte ich doch
mit solch einer Reaktion nicht gerechnet.
Ich lief zur nahegelegenen Brücke, mir liefen die Tränen über die Wangen. Innerlich total zerstört,
stieg ich auf das Geländer und breitete meine Arme aus. Ich schaute auf das Eis,
das mit den sanften Wellen auf der Ruhr
dahin glitt
und ließ mein Leben Revue passieren. Das scharfe Bremsen eines
Fahrzeugs bemerkte ich nicht.
Gabi, die um aus der Stadt zu kommen, erst mal einen großen Bogen durch die Stadt und dann über die Brücke zum Zubringer fahren
mußte, hatte mich gesehen und war auf die Bremsen getreten.
Ich stand da mit ausgebreiteten Armen und wollte mich gerade in die Fluten der Ruhr fallen lassen, als mich etwas an meiner Jacke
faßte. Es war Gabi, sie sprach mit weinender Stimme zu mir, und sagte,
daß es ihr leid tue.
"Komm nach Hause, dein Sohn Kevin wartet auf dich. Er vermißt
dich sehr und er braucht dich, so wie auch ich dich brauche."
Die Tränen liefen mir immer noch über die Wangen. Ich stieg vom Brückengeländer herab. Gabi nahm mich in die Arme und drückte mich.
"Lass uns fahren, es ist schon spät. Kevin wartet auf uns", sagte Gabi. Wir stiegen ins Auto. Nach einer Weile fragte sie mich, wo ich die ganzen Jahre gesteckt hätte.
"Ich war überall zu Hause", antwortete ich und erzählte ihr,
daß ich bis heute Morgen noch ein schmutziger, hungriger Obdachloser gewesen war und
daß Sylvia mir neue Kleidung, sowie etwas zu Essen gegeben und aus mir einen normalen Menschen gemacht hatte.
Als wir zu Hause ankamen, wuchs meine Unruhe. Wie würde mein Sohn mich empfangen? Schließlich war ich sehr lange fort gewesen und er
mußte ohne mich auskommen.
War es doch ein Fehler von mir zu gehen? Wie mochte mein Sohn, der mittlerweile sieben Jahre alt war, wohl aussehen?
Wir schritten wir die Treppen zur Wohnung hinauf. Mein Herz pochte. Gabi steckte den Schlüssel ins
Schloß und öffnete die Türe.
"Mama", rief Kevin "bist du es?"
Ich eilte zu seinem Zimmer. Er saß er auf dem Spielteppich, mit dem Rücken zu mir. Ich bekam erst keinen Ton heraus. Doch dann sagte ich:
"Hallo Kevin!"
Er drehte er sich um und rief ganz laut: "Papa, da bist du ja, ich habe dich schon sehr lange
vermißt."
"Ich habe dich auch vermißt, Kevin."
Wir fielen wir uns in die Arme, drückten uns und weinten Freudentränen.
Gabi kam hinzu. Ich sagte immer wieder, daß es mir leid tat und daß ich sie nie wieder verlassen und auch immer bei ihnen bleiben würde.
Inzwischen fing es draußen wieder an zu schneien. Riesige Schneeflocken fielen herab.
Kevin sagte: "Komm Papa, laß uns einen Schneemann bauen." Wir gingen auf die große Wiese hinter dem Haus und ich rollte drei riesige Kugeln, die wir gemeinsam zu einem großen Schneemann zusammen fügten.
Der Abend war schnell vorbei.
Ich brachte Kevin noch ins Bett und erzählte ihm eine Geschichte aus meinen Leben als
Obdachloser und daß ich einen schönen Stein im Schnee gefunden hatte, der mir Glück brachte.
Nach einer Weile schlief er ein, und ich saß noch eine lange bei ihm am Bett und schaute ihn an. Wie glücklich war ich,
daß sich mein Wunsch erfüllt hatte und ich wieder bei meiner Familie sein konnte.
Ich ging ins Wohnzimmer. Es roch nach frischen Tannenzweigen und der Raum war von vielen kleinen Lämpchen hell erleuchtet.
Es war weihnachtlich, ein unbeschreiblich schönes Gefühl wieder daheim zu sein.
Gabi und ich schauten uns gemeinsam eine Weihnachtsgeschichte im Fernsehen an, bis es dann Zeit war schlafen zu gehen. Schließlich sollte morgen Heiligabend sein.
Ich lag noch lange wach und machte mir Gedanken, was ich denn meinem Sohn unter den Tannenbaum legen könnte. Sicherlich war es das schönste Geschenk für ihn
daß er seinen Vater wieder hatte.
Ich beschloß, ihm meinen Glücksstein zu schenken, und so schlief ich dann auch gleich ein.
Am Morgen deckte ich den Frühstückstisch, wie ich es früher auch immer getan hatte. Als Gabi und Kevin aufstanden und das
fertige Frühstück sahen, freuten sie sich.
Den ganzen Tag spielte ich mit Kevin. Am späten Nachmittag sollte die Bescherung
sein.
Ich legte den grünlich schimmernden Stein, der aussah wie ein Herz, unter den Weihnachtsbaum. Dann schellte ich mit der Glocke und anschließend sangen wir einige Weihnachtslieder.
Nun endlich durfte Kevin seine Geschenke auspacken. Er nahm den Stein und fragte:
"Ist der von Dir, Papa?"
"Ja," sagte ich, "das ist mein Herz und ab jetzt soll er für immer dein Glücksbringer sein."
Wir hatten einen sehr schönen Heiligabend und von nun an lebten wir glücklich miteinander.
Wenn es mal Probleme gab, dann redeten wir darüber, und es fand sich immer irgendwie eine Lösung.


