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Eine Weihnachtsgeschichte
Es war nur noch ein Tag bis Heiligabend. Mein Mann Ken und ich,
Ruby, beschlossen, unseren zwei Kindern endlich ihren Traum von
einer schönen Weihnacht zu erfüllen.
Ken und ich waren schon lange arbeitslos. In unserer Kleinstadt
gab es für körperlich Behinderte nicht gerade die Auswahl an
Arbeit. Dabei waren unsere Behinderungen kaum sichtbar, und rührten
von einem Unfall auf dem Weg zum Arbeitsplatz her.
Ken zog das rechte Bein hinter sich her. Er trug eine Prothese.
Ich verlor damals den linken Arm. Es war grauenvoll, die Kinder
waren gerade sechs Monate alt.
Wie jeden Morgen vor der Arbeit hatten wir sie zu unseren Eltern
gebracht, danach waren wir den langen Highway entlang zu unseren
Arbeitsplätzen in die Großstadt gefahren.
Unterwegs geschah es dann. Eine Verfolgungsjagd zwischen der
Polizei und einem Bankräuber zerstörte unser ganzes Familienglück.
Wir konnten dem Wagen, der auf uns zufuhr, nicht mehr
ausweichen..!
Später dann wachten mein Mann und ich im Krankenhaus auf und die Monate vergingen. Meine Eltern bemühten sich die Kinder großzuziehen und es war ihnen auch sehr gut gelungen. Die ersten sechs Monate bekamen wir das Heranwachsen unserer Kinder nur im Krankenhaus mit. Doch unseren beiden Zwillingen ging es gut. Von einer Beckenfraktur, die ich zusätzlich noch erlitten hatte, erholte ich mich nur sehr schwer.
Von der Beckenfraktur, die ich zusätzlich noch erlitten hatte, erholte ich mich nur sehr schwer. Nach einem ganzen Jahr wurden wir endlich entlassen und konnten zu unseren Kindern nach Hause.
Unser Haus aber war von der Bank wegen fälliger Rückstände des Darlehns gepfändet und
versteigert worden. Wir standen vor dem Nichts.
Ich weinte wochenlang! Ken versuchte mich zu trösten, aber leider vergeblich.
Anfangs konnte ich diesen Schmerz nicht überwinden.
Aber meine Kinder, die uns brauchten, nahmen mich so sehr in Anspruch und gaben mir das Gefühl, die beste Mutter zu sein, die Kinder je haben konnten,
so daß ich nach und nach das Haus vergaß.
Arbeit hatten wir nur gelegentlich. Mein Mann Ken suchte Altmetalle und Restabfälle, die sich wiederverwerten ließen. Nebenbei konnte er hin und wieder für das große Kaufhaus in der Stadt Kleinigkeiten erledigen.
Ich selbst betätigte mich mit einfachen Dingen, denn ich hatte gelernt, mit einer Hand zu arbeiten.
So malte ich kleine Bilder mit Blumen und Wiesen und was mir sonst so einfiel und verkaufte sie am Wochenende auf dem Trödelmarkt. Es war besser als nichts.
Wir lebten von der Hand in den Mund und waren froh, daß es unsere Eltern noch gab, die uns herzlich in ihrem kleinen Haus
aufgenommen hatten.
Vom Staat war nichts zu holen, wir waren auf dem Weg zur Arbeit nicht ausreichend
versichert gewesen.
Der Bankräuber war bei dem Zusammenprall mit unserem Wagen ums Leben gekommen, auch Angehörige gab es nicht, von denen wir etwas hätten fordern können.
So blieben wir mit unserem Schicksal ziemlich allein.
Dann, vier Jahre später...
Mein Vater starb und Mutter ging es sehr schlecht. Das Geld wurde immer knapper. Es kam wie es kommen
mußte.
Wir konnten uns in dem Jahr nicht einmal einen Weihnachtsbaum leisten.
Ken hatte unseren Kindern aus Holz etwas zum Spielen gebastelt.
Und einige Tage nach Weihnachten hatte er einen Tannenbaum, der noch etwas Lametta hatte, von der Straße
geholt.
Wir hatten ihn mit kleinen Kugeln geschmückt, die wir zuvor aus Alufolie gerollt und geformt hatten.
Hier und da hatten sich noch einige Stumpen Kerzen gefunden, die wir mit Draht aufsteckten.
Unsere Kinder hatten keine Fragen gestellt.
Unsere wenigen Freunde, beneideten uns um unsere lieben, vorbildlichen Kinder.
Deren Kinder hatten alles im überfluß und gaben nie Ruhe, waren stets unzufrieden!
Nach diesem trostlosen Weihnachten lagen mein Mann und ich uns in den Armen und weinten die halbe Nacht lang. Am nächsten Morgen schworen wir uns, das im nächsten Jahr alles besser werden würde, und
daß wir dann unser schönstes Weihnachtsfest feiern würden.
Nun standen mein Mann Ken, unsere Zwillinge Joel, Kristin und ich vor dem Hintereingang des dreistöckigen Kaufhauses in unserer Stadt. Wir hatten Wochenende und es war schon nach neun Uhr abends.
Joel rief: "Schaut, es fängt an zu schneien!"
Die großen Schneeflocken bedeckten sofort den grauen Asphalt. Es war kalt! Handschuhe hatten wir nicht.
Kristin breitete die Arme aus, und streckte ihre Zunge heraus, um die Schneeflocken damit einzufangen. Joel tat es ihr gleich.
Ken wühlte in seiner Hosentasche und holte etwas daraus hervor, er steckte es in das Schlüsselloch und
schloß den Hintereingang zum Kaufhaus auf.
"Ist es nicht herrlich, jetzt bekommen wir doch noch eine weiße
Weihnacht" , sagte ich und nahm die Kinder bei der Hand.
Ken schaltete eine Taschenlampe ein. Im Treppenhaus war nur ein sehr schwaches Licht. Wir gingen die Treppen hoch bis in den dritten Stock.
In die Spielwarenabteilung!
Kurz bevor wir ankamen verband ich den Kindern mit ihren Schals die Augen. Sie sollten nicht sehen, welche überraschung wir für sie hatten.
Dann war es soweit. Ken öffnete die Türe zur Spielwarenabteilung. Es war ein wunderschöner Anblick.
Ein großer geschmückter Tannenbaum stand mittendrin, das Kerzenlicht war eingeschaltet, und er strahlte in allen Farben.
Um den Baum herum waren die schönsten Spielsachen aufgestellt.
überall hingen Lametta und Girlanden. Auf einem Podest stand eine große mit Stroh ausgefüllte
Krippe, dazu passende Figuren. Maria und Josef sowie ihr Kind,
auch Kaspar, Melchior und Balthasar, all die Tiere.
Und ganz oben auf war ein großer gelber Stern befestigt! Wir führten unsere Kinder an den Händen dorthin, nahmen ihnen den Schal vom Gesicht und waren zu Tränen gerührt, als wir sahen, wie ihnen vor Freude die Tränen über die Wangen liefen.
"Mom, Dad", riefen beide gleichzeitig. "Es ist so schön hier, dürfen wir
spielen?"
"Ja, klar doch" ,antwortete Ken mit einem Lächeln.
"Deswegen sind wir doch hier, ihr könnt bis Morgen früh alle Spielsachen ausprobieren.
Wir müssen wir aber alles so verlassen wie wir es vorgefunden haben."
"Kein Problem, Dad", meinten die Kinder.
Mein Mann und ich legten uns auf die Decke, die wir mitgebracht hatten und schauten unseren Kindern beim Spielen zu.
"Dad, das ist ja Wahnsinn!"
über der ganzen dritten Etage erstreckten sich Eisenbahnschienen, auf der eine große elektrische Lok mit Anhängern stand. Joel war ganz aufgeregt und
fragte:
"Darf ich eine damit Runde fahren?"
"Sicher doch, solange du möchtest", antwortete ich lächelnd.. Joel kletterte auf die Lok,
ich setzte ihm eine Lokführermütze auf und drückte ihm eine Kelle in die Hand. Dann drehte er eine Runde nach der anderen.
Unsere Kinder waren so glücklich und wir auch.
Kristin nahm eine Puppe aus dem Regal, dazu einen Koffer mit allerlei Zubehör. Sie spielte so schön damit, legte der Puppe mehrmals die Haare nach ihren Vorstellungen und kleidete sie immer wieder neu an.
Joel fand einen kleinen niedlichen Teddybär, den er festhielt und gar nicht mehr loslassen wollte.
Und er spielte mit einem Auto aus Metall. Zu Hause hatte er nur
welche aus Plastik.
Mein Mann und ich saßen immer noch da, mir liefen die Freudentränen über die Wangen.
Joel und Kristin kamen auf uns zu.
"Mom, Dad, schaut mal was wir gefunden haben. Dürfen wir jeder eines davon
haben?"
Die Beiden freuten sich wie zwei Schneekönige und bissen herzhaft in ihren Lebkuchen hinein.
"Willst du auch mal beißen, Dad?", wollte Kristin
wissen. "Aber Mom, warum weinst du, warum weint ihr beide?"
Ich schaute zu Ken, auch ihm liefen die Tränen über die Wangen.
"Weil wir euch beide so lieb haben und ihr die liebsten Kinder der Welt
seid", antwortete ich.
Wir nahmen uns gegenseitig in die Arme und drückten uns eine Weile lang, bis wir uns wieder
faßten, den Kindern einen liebevollen Klaps auf dem Po gaben und sie aufforderten, weiter zu spielen.
So verging die Zeit, bis die Kinder schließlich müde wurden und sich zu uns auf die Decke legten und einschliefen.
Wir kuschelten uns alle zusammen, so blieben wir warm, es dauerte nicht lange, da schliefen auch wir ein........!
Ich weiß nicht, wie lange wir geschlafen hatten oder wie spät es war, als wir durch einen lauten Schrei geweckt wurden.
"Aufstehen, Polizei, Hände über den Kopf", schrillte es in unseren Ohren.
Noch ganz müde und benommen erhoben sich Ken und ich. Die Kinder hatten einen festen Schlaf und bekamen noch nicht mit, was
geschah.
Vier Polizisten mit gezogenen Pistolen standen vor uns.
"Jeff, wir sind es nur", rief ich einem der Polizisten zu. Dieser gab dann seinen Kollegen ein Zeichen und alle steckten ihre Pistolen wieder weg.
"Ruby, was macht ihr denn hier?"
"Jeff, es tut mir leid, wir wollten unseren Kindern eine Freude machen und haben sie hier her gebracht, damit sie
spielen können."
Jeff, der früher in der Schule mal mein Freund war und es nie ganz vergessen konnte,
daß ich ihn den Laufpass gegeben hatte, kam auf mich zu.
Er stand mir gegenüber und grübelte.
Dann sprach er mit ruhiger Stimme:
"Wir fanden die Türe am Hintereingang offen vor, im frischem Schnee waren deutliche Fußspuren zu sehen. Wir vermuten,
daß außer Euch noch jemand hier drin sein muß. Jemand, mit dem vielleicht nicht zu spaßen ist."
Jeff schaute wie immer zu Boden, er konnte mir einfach nicht in die Augen blicken. Aber er kannte uns gut genug, um zu wissen,
daß wir hier keinen Unfug trieben.
"Ich werde euch wegen eurer Anwesenheit hier später befragen, jetzt gilt es erst mal den Einbrecher
zu fassen. Ich lasse Euch Jack hier, er wird auf euch aufpassen.
Ken rief Jeff beim gehen nach:
"Jeff, es tut mir leid, daß ich euch so Unannehmlichkeiten bereitet habe, ich habe
wohl vergessen, den Hintereingang abzuschließen!"
Jeff blickte sich um, nickte und brummelte sich wieder etwas in den Bart.
Die Kinder schliefen immer noch ganz friedlich. Ken und ich setzten uns wieder auf die Decke, Jack durchsuchte, ohne fündig zu werden, die Etage auf der wir uns befanden. Kristin reckte sich, sie öffnete ihre Augen.
"Sind wir noch im Spiel-Paradies", war ihre erste
Frage!
"Ja, Kristin", antwortete ich .
"Mom, ich muss mal, wo ist denn hier die Toilette?", fragte
sie. "Gleich hier oben", antwortete ich, nahm Kristin bei der Hand und
ging mit ihr hin.
Ken blieb bei Joel.
Als wir die Tür öffneten, sprang ein Mann im grauen Mantel, mit bleichem Gesicht und langen
Bart auf uns zu und umklammerte uns. Wir schrien und versuchten uns loszureißen.
Doch sein Griff war zu stark und ließ uns nicht frei.
"Mom, ich hab in die Hose gemacht", weinte Kristin.
"Ist schon gut", antwortete ich.
Der Gangster befahl uns ruhig zu sein, doch schon hörte ich Schritte und wie jemand unsere Namen rief. Es war Jack!
"Ruby, Kristin, seid ihr hier?"
Ich bekam nur ein leises "mmmhh" heraus. Aber Jack mußte es gehört haben.
Eine Tür fiel zu, ein leiser Piep, wohl ein Funkgerät war zu
hören.
"Ruhe", fauchte der Gangster.
Wenige Minuten später dröhnte Jeff's Stimme.
"Hier ist die Polizei, lassen sie die Geiseln frei und kommen sie mit erhobenen Händen raus."
"Verschwinden Sie oder ich erschieße die Geiseln", schrie der Mann Jeff zu.
"Sie haben keine Chance. Kommen Sie auf der Stelle
heraus!"
In dem Moment knallte es, eine Rauchbombe rollte direkt ins Klo, der Alte ließ uns los,
und hielt sich seine Hände vors Gesicht. Kristin und ich husteten.
Die Tür sprang auf und Jeff und seine Kollegen zogen uns heraus. Den Mann warfen sie zu Boden und legten ihm Handschellen an.
"Jeff ", hustete ich, "Jetzt weißt du, warum ich dir damals den Laufpass
gegeben habe, du warst schon immer ein Hitzkopf und so voreilig!"
Jeff schämte sich, aber er hatte uns mit seinem schnellen Einsatz das Leben gerettet.
Ken und Joel kamen zu uns und wir nahmen uns in die Arme. Dann waren auch schon zwei Rettungssanitäter
da und brachten uns zur Untersuchung mit ins Krankenhaus.
Nach einem kurzen Aufenthalt im Krankenhaus mußten wir alle zum Police-Department.
Die Umständen, die uns in der Nacht vor Heiligabend in die Spielwarenabteilung
brachten, waren schnell geklärt.
Mr. Stinner, dem das Kaufhaus gehörte und für den Ken ab und an kleine Arbeiten verrichtete, hatte ein großes Herz, und vollstes Vertrauen zu uns.
Ken war vor einigen Wochen bei ihm gewesen und hatte ihm davon erzählt, daß es uns finanziell sehr schlecht ginge, aber
wir den Kindern wenigstens mal zu Weihnachten etwas bieten
wollten.
So kam es, daß Mr. Stinner in Kens Idee einwilligte und ihm den Schlüssel für den Hintereingang gab.
Zwei Tage nach Weihnachten sahen wir uns auf der Titelseite der New York Times wieder.
Unsere Geschichte entfachte im ganzen Bundesstaat unendlich viel Mitgefühl. Wir erhielten unzählige Briefe von Leuten, die uns alles erdenklich Gute wünschten.
Wir wurden mit Geschenken nur so überhäuft. Nach kurzer Zeit schon türmten sich die Kartons vom Keller bis zum Dachboden, so
daß ich einen großen Teil der Gaben an hilfsbedürftige Einrichtungen verschenkte.
Ken fand endlich Arbeit in einer Wohlfahrtseinrichtung, ich selber bin bis heute noch damit beschäftigt all den Menschen die uns halfen, zurück zu schreiben, um mich für deren Spende,
zu danken.
Nach einer gewissen Zeit hatten wir soviel Geld zusammen bekommen, daß wir uns ein eigenes kleines Haus mit Garten zur Miete leisten konnten.
Wir leben nun wie andere Familien auch, glücklich und zufrieden, haben zu Weihnachten einen Tannenbaum und ein kleines Geschenk für jedes unserer Kinder unter dem Baum liegen.


