Junge Liebe





Annette von Droste-Hülshoff

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Über dem Brünnlein nicket der Zweig,
Waldvögel zwitschern und flöten,
Wild Anemon' und Schlehdorn bleich
Im Abendstrahle sich röten,
Und ein Mädchen mit blondem Haar
Beugt über der glitzernden Welle,
Schlankes Mädchen, kaum fünfzehn Jahr,
Mit dem Auge der scheuen Gazelle.


"Liebt er?" — "Liebt er mich nimmer?"
Und wenn "liebt" das Orakel gab,
Um ihr Antlitz gleitet ein Schimmer:
"Liebt er nicht" — o Grimm und Graus!
Dass der Himmel den Blüten gnade!
Gras und Blumen, den ganzen Strauss
Wirft sie zürnend in die Kaskade.


Gleitet dann in die Kräuter lind,
Ihr Auge wird ernst und sinnend;
Frommer Eltern heftiges Kind,
Nur Minne nehmend und minnend,
Kannte sie nie ein anderes Band
Als des Blutes, die sch&chterne Hinde;
Und nun Einer, der nicht verwandt —
Ist das nicht eine schwere Sünde?


Mutlos seufzet sie niederwärts,
In argem Schämen und Grämen,
Will zuletzt ihr verstocktes Herz
Recht ernstlich in Frage nehmen.
Abenteuer sinnet sie aus:
Wenn das Haus nun stände in Flammen,
Und um Hilfe riefen heraus
Der Karl und die Mutter zusammen?


Plötzlich ein Perlenregen dicht
Stürzt ihr glänzend aus beiden Augen,
In die Kräuter gedrückt ihr Gesicht,
Wie das Blut der Erde zu saugen,
Ruft sie schluchzend: "Ja, ja, ja!"
Ihre kleinen Hände sich ringen,
"Retten, retten würd' ich Mama,
Und zum Karl in die Flamme springen!"


Lehr' sie aber: Wunsch und Willen
Nicht zur Unzeit zu erfüllen,
Daß sie sich erst artig schäme,
Und sich nicht zu bald bequeme!
Lehre sie die süßen Mienen,
Die der Lust zum Vorteil dienen;
Lehre alle Fröhlichkeiten
Und dabei, was sie bedeuten!


Lass sie stets in Unschuld prangen,
Nie zu viel von mir verlangen;
Auch dass sie's verständig klage,
Wenn ich ihr zu viel versage! –
Lehre, wie man nie veralte,
Wie man Reiz und Wert behalte,
Wenn auch einst auf Brust und Wangen
Aller Rosen Schmuck vergangen!


Lehr' sie, wenn wir uns vereinen
Treu zu sein und treu zu scheinen,
Dass sie mich mit nichts betrübe
Und mich immer stärker liebe!
Lehr' auch mich durch deine Lehren,
Solchen Engel recht zu ehren,
Dass er, wenn ich ihn vergnüge,
Keine Lust zum Wechsel kriege!