Familie im Cafe  

    

Zonengrenze





(eine wahre Begebenheit)

von Manfred Müller



Es war kurz vor dem Sommerschlußverkauf und in den Straßen herrschte das übliche Einkaufsfieber. 
Frauen mit Paketen unter beiden Armen hasteten eilig von Geschäft zu Geschäft, Kinder drückten ihre Nase platt an den großen Schaufenstern, hinter denen alles ausgestellt war, was ein Kinderherz nur begehren konnte, und aus den einzelnen, kurz geöffneten Türen strömte der Duft von Pommes, Bratwürsten und Parfüm.

Ich schlenderte erhitzt und lustlos die Straßen entlang, als meine Augen an einem grell bemalten Plakat hängen blieben. 
Der cadburry-college-chor gab bekannt, daß er am kommenden Sonntag in der Berliner Gedächtniskirche singen würde, bei freiem Eintritt. 
Nun, das kam mir wie gerufen, ich hatte für Sonntag noch nichts geplant und so nahm ich diese Anregung dankbar auf. 
Ich wußte, daß sich meine Freundin auch dafür interessieren würde. 
Von der nächsten Telefonzelle aus rief ich sie an und wir verabredeten uns für den nächsten Sonntag.

Sie kam ausnahmsweise einmal pünktlich und so gingen wir noch ins Café. Während sie unbekümmert und jungenhaft eine Käsetorte, drei Eisbällchen mit Sahne und schließlich noch von meinem Teller ein halbes Stück Apfelkuchen aß, beobachtete ich sie nachdenklich. 
War es Liebe, was uns beide verband? Ich wußte es nicht. 

Wir hatten uns auf einer jenen langweiligen Partys kennen gelernt, die so in Mode gekommen waren. 
Lauter fremde, unbekannte Gesichter. 
Ich saß in einer Ecke, drehte angewidert ein langes, schmales Glas in meiner Hand, das mit einem Gemisch aus Apfelsinensaft, Buttermilch, Kirschwasser und Gin gefüllt war - eine unmögliche Zusammenstellung - und fragte mich gerade, wie zum Teufel ich bloß auf den Gedanken kommen konnte, hierher zu gehen, als sie sich zu mir setzte.

"Hallo!", sagte sie, nichts weiter, das sollte furchtbar modern klingen. Um nicht allzu unfreundlich zu erscheinen, sagte ich ebenfalls "Hallo!" 
Ich blickte sie dabei nicht einmal an. 
Nach einer ganzen Weile sagte sie, ich hatte ihre Anwesenheit schon fast wieder vergessen:
"Du langweilst dich, stimmts?"
Ich blickte sie erstaunt an. Hm, dachte ich, nicht übel, schlank, sportlich, gut gekleidet, selbstbewußt. 
Aber ich bin weder sportlich noch selbstbewußt und mochte deshalb diese Sorte Frauen nicht. 
Ich stellte mein Glas hörbar auf den Tisch und sagte: 
"Stimmt! Und darum habe ich mich entschlossen, zu gehen." Ich erhob mich.
"Du willst wirklich gehen?", und es sah so aus, als wäre sie ein wenig enttäuscht, was mein Selbstbewußtsein hob.
"Ja", sagte ich, "das hier ist nichts für mich!" Und dann fügte ich aus einer plötzlichen Eingebung heraus hinzu: "Aber wenn du Angst hast, dich zu langweilen, komm doch mit."

Einen Augenblick lang sah sie mich verwirrt und zugleich etwas nachdenklich an, es schien, als zögere sie und bedauere ihren Entschluß, sich zu mir gesetzt zu haben. 
Aber dann sagte sie lächelnd. "Gut, gehen wir!" - Ja, so fing unsere Bekanntschaft an.

"Liebster, du vergißt zu essen", unterbrach meine Freundin spöttisch meine Reise in die Vergangenheit, "wir haben nicht mehr viel Zeit."
Ich sah sie nicht gerade sehr freundlich an. 
Ich hasse es, in aller Öffentlichkeit mit Kosenamen bedacht zu werden. Warum sagte sie nie Manfred? Wozu hat man schließlich seinen Vornamen! Doch nicht nur, um Verwechslungen bei der Behörde zu vermeiden. 
Ich schwieg verdrossen weiter, aber schließlich mußten wir gehen.

Der Kirchenraum war schon recht voll, doch wir hatten Glück und fanden weiter vorn noch ein paar freie Plätze. 
Wie in der Schule, dachte ich, keiner wagt sich, auf die ersten Plätze zu setzen. 
Neugierig schaute ich mich um. Die meisten Leute trugen bereits ihre Kirchengesichter und schauten erwartungsvoll zum Altar. Hin und wieder flüsterte man sich noch schnell etwas zu, wie im Wartezimmer des Arztes. Bald würde jedes noch so leise gesprochene Wort allerdings ein Sakrileg bedeuten.

Gerade schwebte der Chor aus zwei Seitentüren in das Vorderschiff und begann sich lautlos zum Halbkreis zu formieren, da kam Bewegung in unsere Reihe. 
Ein verspäteter Besucher setzte sich auf den einzigen freien Platz neben mir. Und wie das so ist, wenn irgendwo jemand noch als letzter kommt, man dreht sich nach ihm um und mustert ihn mit gelangweilter Neugier, vielleicht auch ein wenig vorwurfsvoll. 
Auch ich wandte mich um und erblickte ein bildhübsches etwa 17- jähriges Mädchen, deren Schönheit mir einen Stich ins Herz gab. 
Blondes, kurz geschnittenes Haar umgab ein liebliches, fast knabenhaft anmutendes Gesicht, welches mich jetzt mit großen Augen ansah. Sekundenlang schauten wir uns, die Umgebung vergessend, fest in die Augen. 
Dann lösten sich unsere Blicke verlegen voneinander. Ich versuchte, mich jetzt auf den Chor zu konzentrieren, allein, es gelang mir nicht. 
Schließlich blickte ich verstohlen zu ihr hin und sah geradewegs in ihre Augen. Ich fühlte mein Herz bis in die Fingerspitzen klopfen. Plötzlich wandte sich die Unbekannte an meine Freundin und fragte flüsternd, ob ich ihr Bruder sei. 
Weiß der Teufel, was sie sich dabei dachte, aber meine Freundin mußte eben dieser Teufel reiten, denn sie blickte mich schelmisch an und flüsterte dann ebenso leise zurück "Ja."
Während der Chor sich mit jubelnden Stimmen seinem Schluß näherte, wurde mir klar, ich mußte sie kennen lernen - aber wie? 
Als der Chor endete und der allgemeine Aufbruch begann, wußte ich noch immer nicht, was ich tun sollte. 
Der Gedanke, uns jetzt gleich in der Menge zu verlieren, versetzte mich in panische Angst und lähmte jeden Gedanken. Willenlos ließ ich mich von der Menge zum Ausgang treiben. 
Schon wenige Schritte weiter hatte ich die Unbekannte bei dem allgemeinen Geschiebe und Gedränge aus den Augen verloren. Auch meine Freundin wurde von mir abgetrieben, ich sah sie weiter vorn und sie winkte mir noch lachend zu. 
Plötzlich erhoben sich rechts von mir aus der Reihe zwei wohlbeleibte Damen und drängten mich, vom Hauptstrom fort zu einem Nebenausgang. 

Aufatmend blieb ich einen Augenblick stehen und schöpfte Luft. 
Da entdeckte ich neben mir die schöne Unbekannte, die mich ängstlich ansah. 
Ohne auch nur eine Sekunde zu überlegen, faßte ich sie an die Hand und rannte mit ihr in eine Seitenstraße hinein, nur fort, dachte ich. Wir blieben nicht eher stehen, als bis die Kirche aus unserem Blickfeld entschwunden war.

"Wie heißt du?" fragte ich sie, als ich wieder ruhig atmen konnte.
"Christel."
"Christel" wiederholte ich, und dann noch einmal: "Christel." Ich ließ den Namen ganz langsam und verwundert auf der Zunge zergehen.
"Und wie heißt du?" fragte sie.
"Manfred."
Sie blickte mich zärtlich an und hakte sich bei mir unter. Es war inzwischen dunkel geworden.
"Gehen wir zum Sommerfest am Funkturm", sagte ich.
"Ja, gern."

Ich winkte ein vorbeifahrendes Taxi heran. Es war nicht sehr weit und wir waren bald da. Der Funkturm erstrahlte im Lichterglanz und man sah das Riesenrad, das sich herrlich von dem immer dunkler werdenden Abendhimmel abhob. Wir stiegen aus und betrachteten eine Weile schweigend das farbenprächtige Bild.
"Küß mich bitte" flüsterte sie.
"Hier vor allen Leuten?"
Sie nickte.
Ich küßte ihren weichen, zarten Mund und konnte kein Ende finden. 
Sie riß sich lachend los.
"Komm", sagte sie, "genießen wir den Abend. Stürzen wir uns hinein in den Trubel."
Ich löste zwei Eintrittskarten und wir gingen auf den großen Festplatz zu.
"Ich habe Hunger" gestand sie, "würde mich der Herr bitte zu einem Bockwurstessen einladen?"
"Der Herr weiß die Ehre zu schätzen, das gnädige Fräulein einzuladen" ging ich auf ihren Spaß ein.
Wir aßen uns tüchtig satt und trieben dabei allerlei Kindereien. 
Ich mußte sie mit meiner Wurst füttern, sie schob mir ihre in den Mund.
"Und nun zum Nachtisch einen Kuß" forderte ich. Sie gewährte ihn mir großzügig.

Der Reihe nach fuhren wir Achterbahn, Auto-Skooter, Riesenrad, Geisterbahn, schleckten zwischen durch Zuckerwatte und Softeis, aßen kandierte Früchte, küßten uns, versuchten unser Glück beim Schießen, aber es blieb bei dem Versuch, gewannen einige kleine Gewinne bei der Tombola, die wir sogleich übermütig an Kinder verschenkten und landeten zuletzt wieder bei der Achterbahn, von der sie nicht genug bekommen konnte. 
Ganz kurz nur sah ich bekümmert meinen letzten Fünfzig-Markschein nach, den ich gerade wechselte und der eigentlich für eine wichtige Anschaffung bestimmt war, aber als ich in ihre vor Vergnügen blitzende Augen sah, schob ich den Gedanken daran weit von mir. Wir waren ausgelassen und heiter wie zwei Schulkinder, denen eben der Lehrer gesagt hatte, daß die Schule ausfiel.

"Du bist so nachdenklich, Manfred. Was hast du?"
"Oh, nichts", antwortete ich und küßte sie herzhaft auf den Mund, daß die beiden Damen, die uns begegneten, wehmütig seufzten.
"Ich liebe dich, ich liebe dich, ich liebe dich" rief ich und packte sie dabei an den Armen und wirbelte sie im Kreis umher, bis mir die Luft ausging. Dann setzte ich sie sanft auf den Boden.
"Komm, laß uns Karussell fahren, " sagte ich, "das haben wir noch gar nicht probiert." 
Wir faßten uns an den Händen und liefen zum Karussell. 
Sie genoß das Fest sichtlich, es schien das erste Mal zu sein, daß sie auf einem so großen Fest war. 

Plötzlich ein dumpfer Knall, dann breitete sich hoch am Himmel ein leuchtendes Rot aus. Feuerwerk! Wir liefen auf eine kleine Anhöhe und genossen tief bewegt das Farbenspiel der bunten Leuchtraketen. Ich beobachtete sie von der Seite, sah ihr andächtiges Staunen, den Mund ein wenig offen, die Hände schutzsuchend in meine gesteckt. 
So hätte ich ewig sitzen mögen. Wir saßen noch, als das Feuerwerk schon längst vorüber war und schauten in den klaren Sternenhimmel. Myriaden von Diamantensplittern auf einem dunklen Samttuch. Und jeder Splitter funkelte so lebhaft, als wollte er uns seine Geschichte erzählen.
Von irgendwo schlug eine Glocke elfmal. Sie schrak zusammen.

"Mein Gott, es ist ja schon so spät, Manfred, ich muß nach Hause."
Ich blickte sie erschrocken an. Natürlich, sie mußte ja auch einmal nach Hause.
"Komm", sagte ich, und versuchte meiner Stimme einen frohen Klang zu geben, "ich bringe dich heim."
Unvermittelt begann sie zu schluchzen.
"Bitte nicht weinen" sagte ich, "morgen ist ja auch noch ein Tag, und danach kommen so viele andere." 
Ich faßte sie zärtlich am Arm und ein Glücksgefühl durchströmte mich. "Komm, ich bringe dich nach Hause, wo wohnst du?"

Sie weinte nur noch heftiger. Erst nach einer ganzen Weile brachte sie unter Schluchzen hervor: "Drüben."
Nein, dachte ich, lieber Gott, laß das nicht wahr sein. 
Vor meinem inneren Auge lief in Sekundenschnelle ein ganzer Film ab. Ich sah die Zonengrenze, den Stacheldraht, die Panzer und Uniformen und eine trostlose, verlassene, graue Landschaft. Ich hörte die barsche Stimme der Uniformierten ‚Ausweis' bellen, hörte das Rattern der Maschinengewehre und die nüchternde, unpersönliche Durchsage eines Rundfunksprechers ‚Hier ist die Deutsche Demokratische Republik'.

Ihr immer lauter werdendes Schluchzen ließ den Film abreißen. Hilflos nahm ich sie in meine Arme, küßte ihre salzigen Tränen von den Wangen, streichelte ihr blondes Haar und flüsterte immer wieder ihren Namen: "Christel".
Aber alles hat ein Ende, wir mußten uns beeilen, um Mitternacht lief ihre Aufenthaltsgenehmigung ab. 
Ich weiß nicht mehr, wie ich sie zur Grenze brachte, wir sprachen kaum ein Wort. Die einzige Erinnerung blieb ein schluchzendes kleines Bündel Mensch. 

Erst als sie bereits die Grenzkontrolle passiert hatte, fiel mir ein, daß wir beide unsere Adressen nicht wußten. 
Ich stolperte, blind vor Tränen, zum Schlagbaum und schrie ihren Namen. Immer wieder, es war ein einziger Aufschrei: 
"Christel!" Zu spät, sie hörte mich nicht mehr. 
Ich habe sie nie wieder gesehen. Tagelang noch stand ich immer nach Arbeitsschluß an der Grenze und wartete auf ein Wunder. 
Aber es gab keines.

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