Familie im Cafe  

    

Northy, eine wahre Sommerliebe





von Ulrike Klingenberg



Seit Jahren hatte ich mir vorgenommen, einmal einen ausgiebigen 
Urlaub zu machen. Ich träumte von Palmen, einsamen Stränden.
Aber es war nie dazu gekommen. 

Nun war ich so urlaubsreif, daß es sogar meinem Chef auffiel. "Ulrich, so kann das nicht weitergehen"; sagte er, denn ich hatte statt zwanzig Kisten Äpfel, Birnen auf dem Großmarkt eingekauft. 

Also beschloß ich für zwei Wochen nach Ibiza zu fliegen.

Es war dort genauso, wie ich es mir vorgestellt hatte. Stundenlang ging ich am Strand spazieren und nahm jeden Augenblick der roten untergehenden
Sonne auf, die wie ein riesiger Feuerball aussah.

An meinem zweiten Tag kam ich an einem großen Haus vorbei. 
Auf dem Hof waren viele Zwinger. Wildes Hundegebell tönte mir entgegen. "Tierheim" stand auf einem Schild, soviel konnte ich mit meinen wenigen Worten, die ich auf spanisch kannte, entziffern. 

Eine rothaarige, schlanke Frau kam auf mich zu. Auf englisch erzählte sie mir, daß es hier viele Hunde gäbe. Nur wenige könnten im Heim untergebracht werden. 
Die Anderen streunten durch die Gegend.
Entweder sie kamen durch, fanden ab und zu etwas zu fressen, oder sie fielen Jägern zum Opfer. Bei dem Gedanken lief mir ein Schauer den Rücken hinunter.

Gerade waren wir an einem Käfig angelangt, in dem ein schwarzer Hund, der etwas von einem Spitz und noch anderen Hunderassen hatte, die ich nicht erkennen konnte. 
Sein Schwanz war etwas zu kurz geraten, doch dieser fing sofort an zu wedeln, bei meinem Anblick. 
Seine Augen strahlten mich so lieb an. "Das ist unser Problemfall, Northy", berichtete mir Sally, so hieß die Leiterin des Tierheimes. 
"Es waren schon so viele Besucher hier, aber keiner wurde mit ihm fertig. Bei jedem Gassigehen brannte Northy durch. 
Nur mit unserem Terrier Twinky verstand er sich gut. Aber der wurde von einem Mädchen abgeholt.

Eine reiche Dame wollte Northy haben. Sie brachte auch viel Geduld auf. Sie badete ihn, verpaßte Northy eine rosa Schleife und wollte mit ihm am Meer spazieren gehen. Doch Northy büxte aus. Zuerst blieb er in Sichtweite
der Frau. Dann roch er einen toten Fisch und da war es um ihn geschehen. So schnell er konnte rannte er dorthin, woher der tolle Duft kam. Genießerisch wälzte er sich darin. 
Aber seinem neuen Frauchen gefiel dieses Aroma ganz und gar nicht. 
Im Eiltempo zerrte sie Northy nach hause und steckte ihn in die Badewanne. Mit hängenden Ohren und unverständlichem Blick ließ dieser alles über sich ergehen.
Als er dann noch ohne böse Absicht sein Beinchen hob, vor lauter Aufregung, löste das ein unglaubliches Donnerwetter aus. Denn die Pfütze entstand genau auf dem Perserteppich der Dame. Seitdem gab es keine Interessenten mehr für ihn".

"Darf ich Northy mal streicheln", fragte ich Sally. "Natürlich, gerne", sagte sie und öffnete den Zwinger. Northy kam, bellte erst schnupperte, wobei sein kurzes Stummelschwänzchen immer noch wedelte, was mir sagte, "Ich mag Dich, möchte dich aber erst kennenlernen".

Nun ging ich Northy jeden Tag besuchen. Statt der blöden Schleife bekam er Streicheleinheiten. Ich redete freundlich, mit ruhigen Worten auf ihn ein. "Ich glaube, heute könnt ihr zwei einen Spatziergang wagen", sagte Sally am dritten Tag. Ängstlich schaute ich sie an.

Ob das wohl gut ginge? Denn schließlich fehlte mir jegliche Erfahrung mit Hunden. "Geht nur", machte Sally Mut. An einer lange Leine führte ich Northy zum Strand, oder er mich?
Wir genossen beide diesen Ausflug sehr. Ich beschloß mich nicht mehr von Northy zu trennen. Ich würde einen herrenlosen Hund von Ibiza ein neues Zuhause geben, der noch dazu mein tierischer Freund geworden war. In Deutschland wollte ich einen Verein gründen, um so noch viele anderen Hunden hier helfen zu können, damit sie ein hundewürdiges Leben führen konnten. 
Das erzählte ich Sally, die mir vor Freude um den Hals fiel. "Huch", rief sie errötend. Ihr Gefühlsausbruch war ihr peinlich. Aber als ich sie fester in meine Arme zog, ließ sie es sich gerne gefallen.

Wir verbrachten einen schönen Abend, saßen lange auf dem Balkon meines Hotelzimmers.
Northy lag zu meinen Füßen. Immer wenn sich Sally mir näherte, knurrte Northy leise. Dann drohte ich ihm mit dem Finger: "Northy, Sally darf das", mahnte ich ihn. Sofort senkte er den Kopf.
"Aber du bist die Nummer zwei in meinem Leben", beruhigte ich ihn, während ich seinen Kopf kraulte.

Noch zwei Tage, dann mußte ich zurück nach Deutschland. Aber zuerst untersuchte ein Tierarzt Northy. Als der Arzt die Spritze aufzog, jaulte Northy leise. Ich hielt ihn fest und er hielt auch ganz still. Mit einer Art Gesundheitszeugnis für Tiere verließen wir die Praxis.
Froh, auch das überstanden zu haben.

Der Abschied von Sally fiel uns beiden sehr schwer. Northy leckte ein letztes Mal ihre Hand.
Ich umarmte sie und küßte ihr eine Träne fort. "Komm uns bald besuchen", flüsterte ich ihr noch zu. Aus dem Flugzeug winkte ich, bis ich Sally nicht mehr erkennen konnte.
Schon jetzt fehlte sie mir und Northy erst. Der arme Kerl mußte in einem Tragekorb die Reise in einem Gepäckabteil antreten. Es hatte alle überredungskünste gekostet, ihn dort hinein zu bekommen. Er hatte mich immer wieder fragend angesehen: "Was, in dieses enge Ding soll ich klettern?" Ob er den Flug wohl gut überstehen würde? Auch Tiere hatten manchmal Flugangst. 
Nach Stunden landete das Flugzeug in Berlin, meiner Heimatstadt. Zuerst mußte ich meinen Koffer abholen. Ungeduldig trippelte ich von einem
Fuß auf den Anderen. Ich konnte es kaum erwarten, Northy aus seinem Gefängnis zu befreien.

Dann war es soweit. Ich machte den Korb auf und Northy torkelte heraus, noch ganz benommen von der Fliegerei. Doch nach einem richtigen Recken, Strecken schien es ihm gut zu gehen. Im Bahnhofsrestaurant stärkten wir uns erst einmal. 
Northy fraß die Hälfte meines Schnitzels und schlabberte ein Schälchen Wasser, das ihm die nette Bedienung hingestellt hatte. Sie hatte auch rote Haare. Und schon schweiften meine Gedanken ab.

Ein langer Spaziergang im Park folgte. Bei mir, in meiner Dreizimmerwohnung angekommen, legte ich erst einmal eine kuschelige Decke vor meine Bett, denn wie hätte ich ahnen können, daß ich nicht alleine zurück kommen würde. Gleich morgen wollte ich ein Hundekörbchen besorgen. 
Müde fiel ich auf mein Bett. Northy legte sich gehorsam auf die Decke. Nicht, ohne vorher versucht zu haben, es sich mit mir im Bett gemütlich machen. "Nein, Northy"; drohte mein Finger. Und vor dem hatte er scheinbar Respekt. Ob ich jedoch bei diesen bittenden Augen immer streng bleiben 
konnte, da hatte ich so meine Zweifel. Ich ahnte auch nicht, daß Northy gleich in seiner ersten Nacht den Beschützerinstinkt eines jeden Hundes folgen würde und wenn es ihm dabei das Leben kostete. Bis jetzt haben sie die Geschichte aus meiner Sicht gehört. Was weiter passierte erzählt Northy!

Ungewohnte Geräusche drangen an meine Lauscher. Ulrich schlief tief und fest. 
Zuerst versuchte ich alles zu ignorieren, aber kann das ein richtiger Hund?
Nein, der ist zum Beschützer geboren. Noch immer rührte sich Ulrich nicht. Den hätte man wegtragen können, ohne das er es merkte. Aber vielleicht war das auch gut, so konnte er nichts vermasseln. Jetzt wurde die Wohnungstür gewaltsam geöffnet. Statt zu bellen, versuchte ich zwanghaft die Fassung zu bewahren, was mir sehr schwer fiel, denn am liebsten hätte ich den Eindringling sofort gebissen, zerfleischt...

Hatte mich neben dem Schuhschrank postiert und rührte kein Glied. Plötzlich, als der Moment günstig war, ging ich zum Angriff über. Stürzte mich auf den Kerl, der hier einfach nichts zu suchen hatte und biß ihn gehörig. Dieser schrie laut, vor Schmerz, war bleich vor Schreck, rannte , so schnell er konnte, davon. Durch den Lärm geweckt schwankte Ulrich in den Flur. Als ihm die Situation bewußt wurde, begann er zu zittern,
Und platsch, fiel er in Ohnmacht. Dafür hatte ich nun wirklich kein Verständnis. 

Am nächsten Tag bekam ich einen großen Knochen. Oh, wie der schmeckte. Das Abenteuer der letzten Nacht hatte ich schon fast vergessen. Ulrich jedoch ließ ein einbruchsicheres Türschloß einbauen. Obwohl das meiner Meinung nach überflüssig ist. 
Unser Glück ist nun komplett, denn Sally zieht bei uns ein. Und vielleicht
lerne ich eine schnuckelige Hundedame kennen...

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