Familie im Cafe
   

    

Manu Berg "Das Balg"





übersicht



Und dann dieser Gedichtewettbewerb in der Schule. Zu Ehren des 60. Jahrestages der Großen Sozialistischen Oktoberrevolution. 
Klar, die vielen bunten Plakate waren auch Ina aufgefallen. 
Der Preis für die jeweils Klassenstufenbesten hatte sehr verlockend geklungen: eine Theaterfahrt in die Nachbarkreisstadt. 
Ina war noch nie in einem richtigen Theater gewesen.

Und eigentlich war dieser Wettbewerb genau das Richtige für sie. Sie hatte schon in der ersten Klasse heimlich angefangen, Gedichte zu schreiben. 
über die Natur, die Schule, die Familie. Das Heft mit ihren Versen lag unter der Matratze versteckt. Sie genierte sich, es anderen zu zeigen. 
Nur Uroma kannte ihr Geheimnis und die hielt dicht.

Ja, Ina hatte vorgehabt, an dem Wettbewerb teilzunehmen. Und sie wollte gewinnen. Wie immer, wenn sie etwas anpackte. 
Aber sie wußte nichts von dieser Re-vo-lu-tion. 
Und so ließ sie lieber die Finger von der Sache. So einfach war das. 

Doch sie hatte die Rechnung ohne ihre Eltern gemacht.
Beim sonntäglichen Spaziergang hatten sie den Schulhof gestreift. Ihr Vater war neugierig vor den Plakaten stehengeblieben und hatte sie studiert.
"Tolle Sache! Warum hast du davon nichts erzählt, Ina?"
Das Mädchen hatte sich ertappt gefühlt.
"Weil das noch nichts für mich ist", hatte sie schüchtern geantwortet.
"Aber warum denn nicht?"

Am nächsten Abend hatte er einen dicken Bildband über die Oktoberrevolution angeschleppt. Der wurde gemeinsam angesehen. Und dann sollte Ina ihre Gedanken zu Papier bringen.
Sie hatte sich redlich bemüht. 
"Das ist viel zu hölzern", hatte er gepoltert. "Wir machen das morgen abend gemeinsam!"

Er hatte die Verse verfaßt, Ina sie abgeschrieben. Viele, viele Worte. Worte, die sie nicht verstand. 
Nur aus Furcht vor dem Vater hatte sie den Zettel in der Schule abgegeben. 
Sie war die Einzige aus allen zweiten Klassen, die am Wettbewerb teilnahm. Und sie gewann die Reise.


"Einen Aufsatz? So von heute auf morgen?"
"Nein, wir haben ihn schon eine Weile auf", gab Ina zu.
"Ja und? Warum bist du dann immer noch nicht fertig", bohrte Peter Steiner.
"Ich weiß nicht, was ich schreiben soll!"
"Verstehe ich das richtig? Du hast noch nicht mal angefangen?"

Ina nickte schuldbewußt. Ihr Vater drohte zu explodieren. Seine dichten schwarzen Brauen wölbten sich bedrohlich nach oben.
Instinktiv duckte sich Ina. Aber es kam keine Hand geflogen. Nur eine scharfe Frage:
"Thema?"
"Mein Vorbild." Ina hielt den Kopf immer noch eingezogen.
Es hagelte keine weiteren Vorwürfe. 

Hanna Steiner begann den Tisch abzuräumen. Ihr Mann setzte sich auf den Stuhl neben Ina.
"Wenn es weiter nichts ist! Wer ist denn dein Vorbild? über wen willst du schreiben?"
Ina zuckte mit den Schultern.
"Aber Ina, du mußt dir doch Gedanken darüber gemacht haben!"
"Hab ich ja. Aber es sollen mindestens acht Seiten werden..."
"Na und! Du schreibst einfach über mich!"
Ina guckte entgeistert. Ihr Vater schien das nicht zu bemerken.
"Hol Papier uuund warte mal..." Er ging auf den Flur und kehrte mit einer roten Ledermappe zurück. "Wir machen eine richtige Dokumentation mit Fotos und so... Koch mir einen starken Kaffee, Hanna. Das wird ein langer Abend!"


weiter

| Buch-Cafe Book and Drink | Kinder | Bibliothek | Galerie | Cafe | Kulissen | T Shirt Sprueche | Grußkarten | Newsletter | Variete |