|
Nach dem Konzert konnte Ina nicht gleich nach Hause gehen. Auch wenn ihre Mutti ausdrücklich darauf bestanden hatte.
Ina mußte erst all die Eindrücke verarbeiten und bummelte verträumt durch die gegenüberliegende Buchhandlung.
In einer Ecke des Ladens entdeckte sie einen kleinen Tisch mit russischsprachigen Büchern. Sie griff zu einem dünnen mit buntem Einband und blätterte darin. Die Worte schienen ihr vertraut. Doch sie verstand sie nicht. Noch nicht.
Vom nächsten Altstoffgeld würde sie nicht alles für Solidarität spenden, sondern eine Mark abzwacken und sich dieses Büchlein zu kaufen. Das nahm sie sich fest vor.
Uroma hatte ihr, als sie in die Sprachklasse kam, ein kleines deutsch-russisch, russisch-deutsch Wörterbuch geschenkt. Ob sie es damit schaffen würde, das Buch zu lesen? Probieren wollte sie es in jedem Fall.
Froh über den Entschluß und in Gedanken noch ganz beim Konzert, verließ Ina das Geschäft und überquerte die Straße.
Plötzlich tippte ihr jemand auf die Schulter. Sie erschrak und sah auf. Waren das nicht die Künstler aus Petrowa? Da war auch Serjosha! Ihr Herz begann zu hüpfen.
"Hat dirr Konzert gefallen", fragte der eine Balalaikaspieler.
"Koneshno. "
"Ty goworish po russkij", fragte der Mann ungläubig. ‚Du sprichst Russisch?'
"Ja zanimajus russkim jazikom. "
Es war das erste Mal, das sie das im Russischunterricht gelernte anwenden mußte. Die Worte gingen ihr schwer über die Lippen. Aber sie wurde verstanden.
Inas Russischspleen, wie ihr Vater es nannte, hatte lange bevor sie in die Sprachklasse kam, angefangen. So als sie sechs oder sieben Jahre alt war.
In Alttal waren viele sowjetische Soldaten unterwegs. Ganz in der Nähe der Stadt gab es zahlreiche Kasernen.
Gemeinsam mit ihren Freundinnen hatte sie schon als kleine Göre jeden Rotarmisten mit "Dobry djen " gegrüßt. Das war neben "Doswidanja " das einzige, was sie damals auf Russisch sagen konnte.
Wie sie auf diese Idee gekommen waren, keine Ahnung. Es war halt so.
Saß irgendwo in einem Armeejeep ein russischer Soldat und wartete auf seinen Offizier, kauderwelschten die Mädchen mit ihm. Manchmal tauschten sie ihre Kaugummis gegen russische Bonbons, die es sonst nur im Magazin in Regnitz gab.
Ina liebte den warmen Klang der fremden Sprache.
"Serjosha, hörst du, sie spricht russisch. Komm her, macht euch miteinander bekannt." Ina hatte nicht alles verstanden, sich aber den Sinn zusammengereimt.
Dann stand Serjosha vor ihr, reichte ihr die Hand. Inas Augen strahlten. Sie nahm allen Mut zusammen, öffnete ihren Anorak, löste das blaue Halstuch und band es Serjosha um, so wie sie es im Fernsehen gesehen hatte. Seine Augen lächelten sie an.
"Spassibo ."
Kolja, der Kantelespieler, erklärte ihr in gebrochenem Deutsch, das Serjosha sein Halstuch nicht mit habe, es ihr aber schicken werde, sobald er wieder zu Hause sei. Sie solle ihm ihre Adresse aufschreiben.
Lange wälzte sich Ina in der Nacht schlaflos in ihrem Bett. Ihre Gedanken waren im fernen Petrowa. Sie zog die Taschenlampe hervor, die sie unter der Matratze versteckt hielt und las in ihrem Russischbuch.
weiter
|
|