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Manu Berg "Das Balg"





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6

Ina suchte verzweifelt nach den neuen Zopfhaltern. Roten Kugeln. Fast wie Kirschen sahen sie aus. Uroma hatte sie ihr geschenkt. Nirgends waren sie zu finden. Sie hatte überall nachgesehen. In jeder Ecke des Kinderzimmers. Vergeblich. Sicher waren sie wieder in Tinas Hände geraten. Die war wie eine Elster. Alles was glänzte oder bunt war, zog sie magisch an.
Die Putzsucht der Schwester amüsierte Ina normalerweise. Tina wollte immer eine Prinzessin sein. Manchmal aber sah sie eher aus wie ein Pfau. Hin und wieder jedoch schäumte Ina vor Wut. Der Kleinen wurde alles vorn und hinten reingesteckt und sie selbst mußte um die kleinste Kleinigkeit betteln. Und nicht selten auch das ohne Erfolg.

"Ina, beeile dich! Wir müssen los", mahnte Hanna Steiner. "Du weißt doch, Papa schimpft, wenn er zu lange warten muß! Die Kleinen sitzen schon im Auto."
Also gab Ina die Suche auf und zog ihren Anorak von der Garderobe. Hanna konnte endlich die Wohnungstür abschließen.

Peter Steiner stand mit dem beigen P 70 bereits vor der Haustür. Der Motor lief. Er spielte ungeduldig am Anhänger des Autoschlüssels, einem winzigen Reifen, herum. 
Kaum waren Frau und Tochter eingestiegen, brauste er los. An der Kreuzung nahm er beinahe einem Trabbi die Vorfahrt. Im letzten Moment erst trat er auf die Bremsklötze. Hanna warf ihrem Mann strafende Blicke zu. Den Mund aufzumachen, traute sie sich nicht. Sie hätte ihr Fett abbekommen. Wie stets, wenn sie wagte, ihn zu kritisieren. Das stand ihr nicht zu, fand er. Sie hielt sich daran. Seit Jahren schon. Um des lieben Friedens willen.
Als die Familienkutsche den Stadtrand erreicht hatte, kam die Frage vor der sich Hanna jeden Monat aufs neue fürchtete.
"Und wo fahren wir heute hin?"
"Ich weiß nicht."
Peter Steiner trat auf die Bremsklötze. Mitten auf der Fernverkehrsstraße.
"Wo fahren wir hin", wiederholte er.
"Vielleicht nach Asatal ins Motel", antwortete Hanna vorsichtig und nahezu flehend.
"Was sollen wir denn da", fuhr er sie mit scharfer, eisiger Stimme an. "Da waren wir doch erst letzten Monat!"
Hanna schluckte. Sie haßte diese Routineausfahrten. An jedem Gehaltstag packte Peter Steiner seine Familie ins Auto und ab ging es in irgendein Restaurant, Abendbrot essen. Auch der Zoff um den Zielort gehörte längst zum Ritual.

Hanna kam kaum aus dem Haus. In der Früh, wenn sie zur Arbeit im Postzeitungsvertrieb ging, war es dunkel draußen und alle anderen drehten sich noch einmal im Bett um. Wenn sie zurückkehrte, war es Zeit, das Frühstück für die Familie zu richten. Manchmal hatte sie, wenn die Kinder in der Schule waren und ihre Mutter die Kleine nahm, Gelegenheit, sich noch einmal hinzulegen. Selten genug. Sonst kümmerte sie sich um den Haushalt und ging mit Tina einkaufen.
Wie sollte sie wissen, wo in der Nähe ein nettes Lokal war. 

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