Das kleine Backsteinhaus der Mutter hob sich nur als heller Fleck vom Wald ab. Alle Lichter waren bereits erloschen.
Hanna hatte es vorhergesehen. Ihre Mutter ging immer mit den Hühnern zu Bett.
Darauf konnte sie keine Rücksicht nehmen.
"Mädchen, du? Jetzt? Was ist denn passiert? Weisst du, wie spät es ist?"
Verschlafen rieb sich Frau Ebel die Augen. Sie hatte ihre dicke, weinrote Strickjacke schnell über das Nachthemd geworfen, als es Sturm klingelte.
Einen Moment standen sich beide schweigend gegenüber. Dann zog Frau Ebel ihre Tochter endlich in die Wohnung.
Hannas Gesicht war tränenverschmiert. Kraftlos lehnte sie sich an die Wand neben der Tür.
Ihre Mutter nahm kopfschüttelnd das Baby und legte es in die Mitte des Doppelbettes im Nebenzimmer.
"Mein armes Püppchen, was macht sie nur mit dir? Mitten in der Nacht..." Liebevoll deckte sie das Würmchen zu und schloss geräuschlos die Tür hinter sich.
"Nun setz dich endlich hin, Hannele", drängte Frau Ebel und schob ihre Tochter zur Couch.
"Ich hole Verbandszeug und koche uns einen Tee. Dann erzählst du in Ruhe, was los ist! Furchtbar siehst du aus! Willst du vielleicht erst ins Bad", plapperte sie im Weggehen weiter.
Hanna sass apathisch da und starrte vor sich hin. Als ihre Mutter den Tee brachte, sah sie nicht einmal auf.
Unter der Wolldecke, die ihr um die Schultern gelegt wurde, sackte sie noch mehr in sich zusammen.
"Soll ich dir Honig an den Tee machen?"
Hanna reagierte nicht.
Frau Ebel goss Tee ein, rührte reichlich Honig in den duftenden Earl Grey und gab auch Zitrone hinzu.
Eine Tasse reichte sie ihrer Tochter. Hanna nahm sie nicht.
"Nun trink schon Mädchen. Alles wird wieder gut!"
"Nichts wird gut, nichts", brach es aus Hanna heraus. Tränen schossen ihr in die Augen. Sie verlor die Gewalt über sich und begann hemmungslos zu heulen.
Ihre Mutter stand auf, holte ein Taschentuch und gab es ihr.
"Beruhige dich", bat sie hilflos. "Bitte, weine doch nicht!"
"Er brriinnggtt miich uum", stammelte Hanna.
"Wer?"
"Peeter!"
Erschrocken rückte Frau Ebel ein Stück zur Seite. Hanna schluchzte und knetete das pitschnasse Taschentuch mit der rechten Hand.
"Ach was Mausi. Das ist Unsinn... Ihr seid doch so ein schönes Paar. Und nun mit Ina..."
"Er hat uns die Treppe runter geschmissen!"
Die Stimme von Hanna war schlagartig klar und sachlich. Trotzig wischte sie die Tränen fort.

