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Als Hanna sich hingelegt und die Augen geschlossen hatte, fühlte sie sich beobachtet. Irritiert knipste sie die Stehlampe wieder an und sah sich im Zimmer um.
Auf der Kredenz gegenüber dem Sofa stand ein Foto mit schwarzem Band am rechten unteren Bildrand. Ihr Vater. Er lächelte sie an.
Als wolle er ihr die gleichen Worte sagen wie damals zum Abschied: Du bist ein tapferes Mädchen, du schaffst es. Du wirst glücklich! Ich habe dich lieb. Alles wird gut.
So lange war das nun schon her. Großmutter, Mutter und sie hatten den Vater im Lazarett in Kolberg allein lassen müssen. Er konnte wegen seines Bauchschusses nicht mit auf die Flucht vor den Russen.
Hanna war damals knapp neun Jahre alt und die Erinnerung an die Schrecken war verblaßt.
In schlaflosen Nächten jedoch spürte sie manchmal ihre vom weiten Marsch quälend schmerzenden Füße, das Salz ihrer Tränen, sah sich mit ihrer Puppe Karoline hoch oben auf dem Handwagen mit den Habseligkeiten sitzen, den die Mutter mühsam hinter sich herzog.
In Kienhagen, einer dreihundert Seelengemeinde, hatten sie sich niedergelassen. Andere waren weitergezogen. Sie aber fanden hier eine kleine unversehrte, leerstehende Wohnung und ihre Mutter und auch die Oma Arbeit in der Gastwirtschaft.
Und sie warteten auf den Vater, der nachkommen wollte, wenn es ihm besser ginge.
Ihr Vater war der liebste Mensch, den sie kannte. Er hatte ihr Spielzeug gebastelt und aus dem dicken Märchenbuch vorgelesen, mit ihr in seinem Schuhmachergeschäft herumgetollt, wenn keine Kunden da waren, ihre Tränen getrocknet, wenn sie mal traurig war.
Er war so gütig und hatte immer ein Lächeln um die Lippen gehabt.
Aber vom Vater kam kein Lebenszeichen. Und der amtliche Brief nahm dann jede Hoffnung.
Die Ebels konnten nicht weinen. Zu groß war das Entsetzen. Tagelang war Hanna nicht in die Schule
gegangen und hatte sich mit ihrer Mutter in der engen Stube vergraben.
Wenn Oma zu Besuch kam, sie hatte inzwischen die Gaststätte übernommen und auch dort ein Zimmer bezogen, wälzten sie Fotoalben, die sie über den Krieg gerettet hatten und schwelgten, unfähig eines klaren Gedankens, in Erinnerungen.
Irgendwann fing sich ihre Mutter ein wenig. Sie, die in Kolberg alles vom polnischen Personal hatte machen lassen und in praktischen Haushaltsdingen kaum über Erfahrung verfügte, schneiderte aus altem Taft schwarze Kleider für beide.
Es gab ja kaum etwas. Die Kleider sahen aus wie Säcke, aber sie erfüllten ihren Zweck.
Das Bild des Vaters erhielt den schwarzen Balken und auf dem winzigen Dorffriedhof mietete Mutter eine Grabstätte.
Und erst als sie das schlichte, braun gestrichene Holzkreuz mit dem Namen des Vaters dort aufstellten, kamen die Tränen.
In der ersten Zeit standen sie fast jeden Tag am leeren Grab und trauerten.
Später ging Hanna zum Kreuz, wenn sie Probleme hatte, wenn sie nicht wußte, wie sie entscheiden sollte, wenn sie einen Rat brauchte.
So war es, als es darum ging, welche Lehre sie machen sollte, als sie das erste Mal verliebt war und nach dem Heiratsantrag von Peter.
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