19 August 2005

Das Foto

"Möchten Sie noch einen Schluck Kaffee?"
"Wie bitte, Kaffee? Wieso?"
"Ist er Ihnen zu schwach?"
Ach richtig, die Frau Schäfer.
"Entschuldigen Sie bitte, ich war ganz in Gedanken", stammelte ich.
"Ja, ja das Foto", murmelte sie und setzte die Kanne ab.
Hypnotisiert starrte ich immer noch auf die Wand.

Zwölf Ölbilder und ein Foto hingen da.
"Mein Mann hat es gemacht. Unser letztes."
Der Zeigefinger ihrer rechten Hand malte endlose Kreise neben die Tasse.
Sie wurden kleiner und kleiner, bis sie in einem Punkt zusammenflossen.

"Am nächsten Morgen bin ich mit ihm in die Klinik. Zu spät. Herzschlag, sagte die Ärztin. Herzschlag.
Er war doch kerngesund und immer so fröhlich."
Meine Vermieterin kramte in ihrer Schürzentasche. Die Träne versteckte sich hinter Häkelspitzen.

"Er war so lieb und was wir alles zusammen unternommen haben...."
Sie schniefte ins Taschentuch.
"Das tut mir aber leid. Ich wollte Ihnen nicht weh tun."
"Ist schon gut, Kindchen." Entschlossen steckte sie das Taschentuch weg.

Sie stand auf. Und holte ein Album mit Urkunden ihres Hundes.

(aus 1992)

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