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Es war einmal ein Schneider, den alle, weil er die
hübschesten und zierlichsten Kleider weit und breit nähte,
Schneiderlein Nadelfein nannten. Eines Nachts träumte der
Schneider, daß er durch die Welt wanderte und ihn die Leute
fragten, ob er ihr König werden will. Als der Schneider
erwachte, lachte er über seinen Traum. Aber der Traum kam auch
in den folgenden Nächten immer wieder. Da dachte das
Schneiderlein, daß er in die weite Welt wandern und sein Glück
suchen solle.
Er zog seinen besten Rock und seine beste Hose an, nahm hundert
Nadeln, hundert Zwirnsrollen, drei Scheren, Fingerhut und Bügeleisen
und machte sich auf den Weg. Er wanderte und wanderte und kam zu
einer Wiese. Dort bat er den Wind: "Wind, Wind, trag mich
fort an einen fernen Ort."
Der Wind faßte den Schneider und
trug ihn mit sich fort. Es war herrlich so zu fliegen. Als der
Wind müde wurde, setzte er das Schneiderlein sanft an einem
Feldrand ab.
"Wer ist da zu mir ins Gras gepurzelt?" knarrte eine
Stimme hinter dem Schneider. Der Schneider sah sich um und
entdeckte eine wunderliche Gestalt.
"Ich bin eine Vogelscheuche und bewache die Felder und Wälder.
Und wer bist du?"
"Ich bin Schneiderlein Nadelfein. Der Wind hat mich
hergeweht. Ich bin auf dem Weg nach Irgendwo, um dort König zu
werden."
"Laß mich mit dir ziehen, hier ist es so einsam", bat
die Vogelscheuche. Der Schneider dachte, ja zu zweit ist es
lustiger und willigte ein.
"Kannst du mir nicht meine Jacke, Hose und Hut flicken? Wenn
du König wirst, will ich auch schick aussehen."
"Gern", antwortete Nadelfein. Er flickte sorgfältig
alle Löcher, reparierte auch die Hutfeder und dann wanderten sie
los.
Endlich kamen sie in ein Land, das aussah, wie das, von dem der
Schneider geträumt hatte. Mitten in dem Land war auch eine
Stadt, die der in seinem Traum glich. Seltsamerweise aber regnete
es über der Stadt, während ringsherum die Sonne schien. Und es
regnete nicht nur, es goß wie aus Eimern.
"Ach Nadelfein, ich mag nicht in die Stadt gehen, dort
werden meine schönen Kleider naß", sagte die Vogelscheuche.
"Und ich will lieber überhaupt nicht König sein, als König
in einer so nassen Stadt.", entgegnete Nadelfein. Sie
wollten weiterwandern, aber da kamen die Bewohner der Stadt schon
durch das Tor gelaufen und riefen: "Rettet uns. Rettet uns
bevor wir im Regen umkommen!"
"Warum regnet es bei euch, während ringsherum die Sonne
scheint?", fragte Nadelfein.
"Das wissen wir nicht. Unser guter König starb und seine
Tochter weinte drei Wochen lang. In der vierten Woche lachte sie
wieder und da haben wir vor Freude alle Kanonen abgeschossen.
Seitdem regnet es ununterbrochen"; antworteten die Leute.
Sie führten die Gäste in die Stadt. überall quoll das Wasser
hervor. Die Bewohner hatten alle Schnupfen. Ihre Nasen trieften.
Es gab längst nicht mehr genug Taschentücher. Die Kinder mußten
in den Häusern bleiben, damit das Wasser sie nicht wegtrug. Die
Vogelscheuche wollte schnell weg.
Doch Nadelfein überlegte laut:
"Ihr habt bestimmt mit den Kanonen ein Loch in den Himmel
geschossen. Ich weiß, was man da tun muß!" Er bat die
Leute, alle Leitern, die sie finden können, zu bringen. Dann
stellten sie die Leitern auf. Eine über die andere. Nadelfein
nahm seine hundert Nadeln, den Zwirn, die Scheren, den Fingerhut
und das Bügeleisen und kletterte hoch und immer höher, bis
hinauf zum Himmel. Er fädelte eine Nadel ein und begann zu nähen.
Er verbrauchte hundert Nadeln und die hundert Zwirnrollen und als
die letzte aufgebraucht war, war der Himmel kunstvoll geflickt.
Er nahm das Bügeleisen und glättete den Himmel, dann stieg er
hinab. Das Wasser fing an zu versickern, die Kinder begannen in
den Pfützen zu spielen und lachten.
Die Prinzessin kam und
fragte: "Schneiderlein Nadelfein, willst du mein Gemahl sein?"
Sie küßte ihn und Nadelfein wurde König. Die Vogelscheuche
aber blieb als bester Freund bei ihm und wachte über die Spatzen
im Land.
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